Die Mórrigan und verwandte Gestalten in der west- und nordeuropäischen Mythenwelt
Claudia M. Striewe
"Our thoughts kept returning
to something the boy said
as we turned to go
he said you'll never see our faces again
you'll be food for a carrion crow
Every step we took today
our thoughts would always stray
from the wind on the moors so wild
to the words of the captain's child..."
("Something the boy said" - © Sting:
Ten Summoner's Tales CD, 1993)
Wohl allen, die sich ansatzweise einmal mit den Kelten beschäftigt haben, ist Mórrigan, die Kriegsgöttin in Rabengestalt, ein Begriff. Jedoch bleibt bei oberflächlicher Betrachtung vieles an dieser Figur widersprüchlich und unverständlich.
In der mittelalterlichen irischen Literatur taucht Mórrigan sehr
häufig auf, und zwar sowohl als Einzelperson als auch in einer Dreiheit
mit verschiedenen Namen, auf die wir später noch zurückkommen
werden.
In den großen Sagen, dem Ulster-Zyklus und dem Mythologischen
Zyklus, erscheint sie in vielfach wechselnder Gestalt. Der bekannteste
Sagenheld, der mythische Krieger CuChulainn begegnet ihr mehrmals, an
entscheidenden
Punkten in seinem Leben. Mal erscheint sie als junge attraktive Frau, und
als Rache für seine Ablehnung ihres eindeutigen sexuellen Angebots
greift sie ihn in Tiergestalt, als Aal, Wölfin und Kuh an. Dann wieder
ist sie ein hässliches Weib, das ihn mit Spott überschüttet
und als Rabe davonfliegt, oder die düstere Wäscherin blutiger
Kleidungsstücke im Fluss, die dem Helden seinen baldigen Tod prophezeit,
und nachdem er auf dem Schlachtfeld getötet worden ist, lässt
sie sich wiederum als Krähe auf seinem Körper nieder, um ihm
das Fleisch von den Knochen zu nagen.
Mórrigan begegnet auch dem Gott Dagda, dem Anführer der "Tuatha de Danaan", in einer ähnlichen Szene, wie sie auch in einer der CuChulainn-Sagen beschrieben wird: Dagda trifft sie an einer Furt, und sie bietet ihm an, mit ihr zu schlafen. Dafür informiert sie ihn in hellseherischer Weise über die Vorhaben seiner Feinde, und prophezeit den Sieg seines Stammes.
Auch Mórrigan gehört in diesen Erzählungen zu den Tuatha
de Danaan, den "Kindern der Göttin Dana", die in mythischer Vorzeit
Irland besiedelten und die dort lebenden älteren Stämme der Firbolg
und Fomorians verdrängten. Ihrerseits wurden die Tuatha de Danaan
später von den Milesiern, den keltischen Invasoren besiegt. Die Tuatha
de Danaan sind göttliche oder übernatürliche Wesen, werden
auch mit den Sidhe gleichgesetzt, den Feen, die in den steinzeitlichen
Hügelgräbern leben sollen, bzw. in der Anderwelt, die durch diese
betreten werden kann.
Inwieweit diese mythische "Vorgeschichte" Irlands mit tatsächlichen
belegten Besiedlungswellen in Bezug gesetzt werden kann, ist noch nicht
geklärt. Es ist jedoch wichtig, dass "Götter" in der keltischen
Vorstellung nicht die gleiche statische und der Menschenwelt ferne Position
einnahmen wie in der institutionalisierten Religion der klassischen Antike
oder gar im monotheistischen Christentum. Die Kelten waren noch stark vom
naturreligiösen Animismus geprägt, der die gesamte Umwelt als
belebt und beseelt und die Übergänge zwischen den verschiedenen
Ebenen einer komplexen Wirklichkeit als fließend ansieht. Die Anderwelt
ist ein verbreitetes keltisches Motiv, und ihre Bedeutung geht weit über
die eines "Totenreichs" oder eine "Unterwelt" hinaus. In diesem Sinne sind
auch die Grenzen zwischen göttlichen Mächten, Naturkräften,
mythischen Menschenwesen und beseelten, übernatürlichen Tieren
nicht klar zu ziehen. Viele der Wesen in den keltischen Mythen sind der
Gestaltwandlung fähig, was ihre klare Einordnung noch erschwert. Und
eine solche war auch von den Kelten gar nicht gewollt. Die Kelten liebten
und achteten das "Andere", das Unerklärliche, die Zwischenstadien
und Grenzgänger, ihr Tag begann mit der Abenddämmerung und ihr
Jahr zu Samhain im nebligen November, wenn die Schleier zwischen den Welten
am dünnsten sind, und viel Seltsames geschehen kann.
Was insbesondere die Mórrigan mit Samhain zu tun, werden wir
später noch sehen.
Rätselhaft und teilweise bedrohlich erscheint sie also in ihren
Begegnungen mit menschlichen Helden und Göttern - sie selber scheint
weder das eine noch das andere zu sein, jedenfalls gibt es darüber
keine klare Aussage.
Mindestens ebenso düster, und noch fremder und un-menschlicher
erscheinen Mórrigan und ihre Schwestern an verschiedenen Stellen
in der Literatur, wo sie das blutige Chaos des Schlachtfeldes verkörpern,
oder auch die Kämpfer einer Seite verwirren und in Schrecken versetzen:
In der Sage über Cath Muige Tuired Cunga, die erste Schlacht von
Moytura, erzählt vom Kampf um Irland zwischen den Tuatha de Danaan
und den älteren Inselbewohnern der Firbolg. Hier findet sich eine
eindrucksvolle Beschreibung, wie Mórrigan, Macha und Badb ihre Gegner
angreifen, mit "Schauern der Hexerei, mit Wolken voll strömendem Regen
und Nebel und mächtigen Schauern aus Feuer, und ein Strom aus rotem
Blut ergoss sich aus dem Himmel auf die Köpfe der Krieger; drei Tage
und drei Nächte lang hinderten sie so die Firbolg, sich zurückzuziehen
oder zu fliehen."
An einer anderen Stelle der gleichen Sage prophezeit der Dichter Fathach
den Firbolg, "die rote Badb" werde dankbar sein für das Ergebnis des
Kampfes, die vielen toten Körper auf dem Schlachtfeld.
Viele weitere Textstellen in dieser und anderen Sagen beschwören
ähnliche Bilder herauf, und daraus ergibt sich das Bild von schreckenerregenden
weiblichen Geisterwesen, die während oder auch vor einer Schlacht
durch Lärmen, Kreischen und magische Mittel die Gegner in Angst versetzen,
und sich hinterher an den Leichen der gefallenen Krieger gütlich tun.
Ihr Verhalten muss nicht immer gegen die menschlichen Kämpfer
gerichtet sein, sondern scheint manchmal einfach die Gewalttätigkeit
und den Horror der beschriebenen Situation zu spiegeln. Im Bericht über
den zweiten Tag der Schlacht von Moytura heißt es:
"Die Badba und Ungeheuer und Hexen des Unheils kreischten, so dass
ihre Stimmen von den Klippen und Wasserfällen und aus den Höhlen
im Erdinneren widerhallten."
Wer oder was diese Gestalten genau sind, erfahren wir aus den Sagen,
die im übrigen nicht authentisch "heidnisch" sind, sondern erst im
christianisierten Mittelalter aufgeschrieben wurden, nicht.
Eindeutig werden sie immer als weiblich beschrieben und benannt, wenn
auch ihre genaue Gestalt oft unklar bleibt. Der Name, der in Zusammenhang
mit den Schrecken des Schlachtfelds am häufigsten auftaucht, ist jedenfalls
Badb, was "Krähe" bedeutet. Dies bezeichnet sowohl "normale" Vögel
als auch übernatürliche Wesen. Manchmal heißt sie auch
badb catha, "die Krähe der Schlacht", und in Gallien gibt es Inschriften,
die auf die kultische Verehrung einer ähnlichen Kriegsgöttin
Cathubodva hinweisen.
Mórrigan dagegen ist mehr ein Titel oder Sammelname für
die verschiedenen Erscheinungsformen, daher heißt es auch meist die
Mórrigan. Dieser Name wird als "große Königin" gedeutet
(gäl. mor = groß, rigan = Königin, vgl. walisisch Rhiannon,
die Pferdegöttin, oder gallisch Rigantona) oder auch als "Geisterkönigin"
(in diesem Fall mor von einem Wortstamm, aus dem sich auch engl. nightmare,
dt. Nachtmahr = Alptraumwesen ableitet). Beide Namen tauchen auch in der
Mehrzahl - badba und morrigna auf - und dies macht deutlich, dass es sich
weniger um Personen handelt, als vielmehr um eine Art magischer Erscheinungen,
die sich in einem oder mehreren Wesen manifestieren. Die Drei ist
den Kelten sehr geläufig als "kleinste Vielheit", als Symbol für
eine Mehrzahl.
Neben Badb und Mórrigan taucht in der Literatur noch Macha auf,
oder es werden Badb, Macha und die seltener erwähnte Nemain insgesamt
als "die Mórrigan" bezeichnet. Alle drei werden u.a. in "Banshenchas"
einem Text, der Frauengestalten aus der irischen Mythologie aufzählt,
als Töchter der Zauberin Ernmas bezeichnet. Jene war auch die Mutter
von Banba, Fotla und Ériu, die als Verkörperungen des Landes
Irland gelten. Auf die typische keltische Vorstellung einer weiblichen
Trinität als Symbol des Landes und seiner Fruchtbarkeit habe ich schon
in meinen Essays zu den Matronen (PolarLicht #3) und zu Brigid (PolarLicht
#6) hingewiesen.
Die irischen Quellen also stellen die Mórrigan-Schwestern in
einen Kontext der magischen Kräfte und der Erde. Der Name Macha wird
mit "Feld" oder "Wiese" übersetzt, andererseits auch mit Pferden in
Verbindung gebracht. Macha taucht mehrfach in verschiedenen Sagen und
Erzählungen
auf, und ist von allen genannten Gestalten die "menschlichste".
Interessanterweise
haben Pferde in der keltischen Kultur ebenfalls einen starken Bezug zur
Anderwelt und zum Tod.
Der Name Nemain ist von seiner Herkunft unklar, und wird in alten
Erläuterungen
sowohl mit Raben und Krähen als auch mit Wahnsinn, Tobsucht und Wut
übersetzt. Sie scheint in den Sagen und Erzählungen auch speziell
für diesen Aspekt zuständig. Mittelalterliche Gelehrte erklären
ihren Namen auch mit einem Hinweis auf neimnech = giftig.
Genaue Beschreibungen der Mórrigan lassen in den alten Epen und Erzählungen zu wünschen übrig. Aus dem Kontext geht hervor, dass die mna trogain - die "Rabenfrauen" - oder ban-tuathecha - die "Zauberinnen" - oft eine handlungsentscheidende Rolle spielten, doch anscheinend ging man davon aus, dass die Leser wussten, wie sie sich die Einzelheiten vorzustellen hatten. So wird häufig zwischen den verschiedenen Namen hin- und hergewechselt, oder es ist unklar, ob von normalen Rabenvögeln, Frauen oder übernatürlichen Wesen die Rede ist. Die Mórrigan erscheint und verschwindet, fliegt über dem Schlachtfeld, sitzt auf einem Zaun oder Steinen, offensichtlich in Vogelgestalt, aber ohne dass dies immer explizit erwähnt wird.
Dass die Mórrigan eine bekannte und verbreitete Gestalt in der
keltischen Vorstellungswelt war, geht aus einem Blick in mittelalterliche
Glossare hervor, Erläuterungen zu fremdsprachigen Texten, z.B. Bibelausgaben
oder Übersetzungen antiker Schriften. In den Glossaren wurden alle
Begriffe und Sachverhalte, die den irischen Lesern nicht notwendigerweise
bekannt waren, durch Vergleiche oder Erklärungen verdeutlicht. Für
heutige Forscher sind die Glossare "andersherum" interessant, da sie ein
Licht auf die noch unerforschte keltische Mythenwelt werfen.
In mehreren solcher Glossare werden die antiken Gestalten Lamia, Lilith,
sowie Furien und Erinyen mit der Mórrigan oder Badb gleichgesetzt.
Lamia waren in der römischen Welt weibliche Geistwesen mit düsterem
und unheimlichen Charakter, ähnlich der Sirenen und Harpyien, Vögel
mit menschlichem Kopf, von denen gesagt wurde, dass sie Kinder fressen
oder in Gestalt schöner Frauen Männer verführen und ihnen
das Blut aussaugen. Verschiedene Aspekte dieser mythischen Wesen (auf deren
Charakter und Symbolik genauer einzugehen würde den Rahmen dieses
Artikels sprengen) schienen den mittelalterlichen Gelehrten Irlands also
vertraut genug, um den Vergleich mit der heimischen Mórrigan aufzustellen.
Nun sind in der heutigen esoterisch beeinflussten Beschäftigung
mit früheuropäischer Religion Begriffe wie "Krieg" - oder gar
Göttinnen in Zusammenhang mit Krieg - gar nicht gerne gesehen, sie
werden sowohl von den romantisch-heldisch angehauchten Keltenverehrern
auf Asterix-Niveau als auch von den Anhängerinnen feministischer Spiritualität
gern weitläufig umgangen... Nichtsdestotrotz ist die Mórrigan
zweifellos in der irischen Literatur vorhanden, mit all ihren
Widersprüchlichkeiten
und Rätselhaftigkeiten, und entsprechende Abbildungen und Anzeichen
kultischer Verehrung gibt es auch in festlandkeltischen Funden.
Nach eingehender Beschäftigung mit dem Thema bin ich zu der Einsicht
gelangt, und diese möchte ich auch im folgenden noch genauer erläutern,
dass die Mórrigan eine Erscheinung oder mythische Vorstellung war,
die zunächst in der frühkeltischen oder vielleicht schon vorkeltischen
Kultur in einem weiteren Kontext stand, dabei zweifellos immer schon "dunkle"
Aspekte verkörperte, und in einer späteren stärker kriegsfixierten
Gesellschaft - die die keltische Kultur der Eisenzeit zweifellos war -
als eine Verkörperung der dunklen Seiten von Kampf und Schlachtfeld
wahrgenommen und nach und nach auf diesen Aspekt reduziert wurde.
Gegenüber CuChulainn erscheint sie oft sinister, rätselhaft, wenn nicht gar bedrohlich, obwohl andererseits in den Erzählungen betont wird, dass sie auf Seiten seines Stammes, der Menschen von Ulster, steht, und auch mit typischen magischen Mitteln gegen deren Feinde vorgeht. CuChulainn jedoch scheint ihre Botschaften oft nicht wirklich zu verstehen - und vielleicht war es auch so, dass die mittelalterlichen Mönche, die die Reste alter mündlicher Traditionen zusammensammelten und mit einer gehörigen Portion gelehrter christlicher Auffassung zusammenkitteten, die ursprünglichen Bedeutungen nicht kannten, und daher die Erscheinungen der Mórrigan in der Literatur tatsächlich Fragmente sind, abgetrennt und losgelöst von einem verschwundenen Zusammenhang.
Denn ein solcher größerer Zusammenhang besteht, und kann
auch in den vorhandenen Quellen entdeckt werden, gleich einem Ozean, der
erscheint wenn man einmal eine Weile lang in den dunklen Brunnen schaut.
Das Motiv der Wäscherin an der Furt, in deren Gestalt die Mórrigan
einmal dem Helden CuChulainn erscheint, ist in der keltischen Tradition
weit verbreitet und keinesfalls nur auf Mórrigan beschränkt.
Sowohl in Irland als auch in Schottland und Wales gibt es viele überlieferte
Geschichten über sie. Sie sitzt am oder im Fluss, und wäscht
blutige Kleidungsstücke oder auch Waffen, und der Fluss färbt
sich dadurch rot. Sie selber wird als altes hässliches Weib beschrieben,
gekleidet in Lumpen, oder auch als feenhafte Frau mit einer erotischen,
aber düsteren Ausstrahlung. Die Farben schwarz und rot tauchen in
der Beschreibung ihrer Haare und Kleidung oft auf. Sie prophezeit den Tod
desjenigen, der sie sieht und seine eigenen Kleidungsstücke in ihren
Händen erkennt. Manchmal reicht auch allein schon ihre Erscheinung
als Anzeichen eines nahenden Todes - meist in einem kriegerischen Zusammenhang.
Manchmal spricht sie auch zu demjenigen, der ihr begegnet, und sehr oft
erscheint sie im Herbst, in der Zeit um Samhain.
In Schottland heißt die Wäscherin bean nighe, und dieser
Name weckt natürlich sofort Assoziationen zu einer anderen Gestalt
der irischen Folklore, nämlich der bean sidhe, besser bekannt als
Banshee. diese ist eine "Frau aus dem Reich der Sidhe", die meist als Feen
gedeutet werden, jedoch wohl ursprünglich die Funktion von Ahnengeistern
hatten. Die Bean Sidhe gehört jeweils zu einer bestimmten Familie,
und kündigt durch lautes Klagen und Heulen den nahen Tod eines
Familienmitglieds
an. Die Christen erklärten, die Banshees seinen verfluchte Geister
von Frauen, die im Kindbett oder auch bei einer Abtreibung gestorben seien,
und es sei nun ihre Strafe herumzuspuken, eine typisch christliche und
von rigiden Moralvorstellungen geprägte Erklärung. Ursprünglich
sah man die Bean Sidhe nicht als "böse" oder "bedrohlich" an - sie
war ja schließlich nicht für den Tod verantwortlich sondern
verkündete und beklagte ihn - und noch der bekannte irische Dichter
Yeats reimte "you will with the banshee chat and will find her good at
heart."
Die Ankündigung des nahenden Todes und die düstere bildliche Darstellung durch die blutigen Kleidungsstücke ist also ein Bindeglied zwischen der Mórrigan und anderen verbreiteten Vorstellungen im inselkeltischen Raum. Wie sieht es nun mit einem ihrer anderen Aspekte aus, ihrer Erscheinung als Raben- oder Krähenfrau über dem Schlachtfeld, die sich schließlich über die Leichen der Gefallenen hermacht? Auch hier kennen wir ein ähnliches Motiv aus einem benachbarten europäischen Kulturraum, nämlich die germanischen Walküren (altnordisch valkyrja). Bevor diese in der heroisch-romantisierenden Phantasie deutschtümelnder Germanen-Fans des 19. Jahrhunderts zu prallbusigen Blondinen in schicken metallenen Rüstungen mutierten, zeigten sie in ihrer Gestalt und ihren Eigenschaften durchaus Ähnlichkeit mit ihren düsteren irischen Rabenschwestern.
Im irischen Ulster-Zyklus lesen wir, wie der sterbende CuChulainn auf dem Schlachtfeld von seinem Pferd beschützt wird, während sich eine Krähe auf seiner Schulter niederlässt. Dies wird von seinen Feinden als Zeichen gedeutet, dass er tot ist. In einer anderen Version schaut der halbtote Held mit einem letzten zynischen Lachen einer Krähe zu, die in seinen Gedärmen herumstolpert. Der Vogel wird hier mit dem bekannten Wort badb bezeichnet, es geht aus dem Text jedoch nicht hervor, ob es sich um die Mórrigan handelt. Mehrere Forscher halten es jedoch mit der keltischen Vorstellung von Leben und Tod vereinbar, dass die Mórrigan hier möglicherwiese die Seele des Helden in die Anderwelt trägt, wie wir es auch von Aasvögeln in indianischen Glaubensvorstellungen kennen.
Den Walküren kommt schon aufgrund ihres Namens (von altnordisch
valr = die Leichen auf dem Schlachtfeld, und kiosa = auswählen, vgl.
engl. choose, dt. küren), und natürlich ihrer Schilderung in
den Mythen, eine ganz ähnliche Funktion zu.
Sie sind weibliche Geistwesen, die in Vogelgestalt oder als Frauen
zu Pferd, ähnlich wie die wilde Jagd Odins oder der Frau Holle, über
dem Schlachtfeld erscheinen, und die Gefallenen nach Valhalla, in die "Halle
der getöteten Krieger" geleiteten. Genauer gesagt führen sie
die Hälfte der Toten zu Odin und die andere Hälfte zu Freya.
Ähnlich wie die Bean Sidhe scheinen sie aber nicht für den Tod
an sich verantwortlich zu sein. In verschiedenen Sagen wird ihre Zahl mit
drei, sechs, dreizehn, neun oder siebenundzwanzig angegeben. In der Völsunga
Saga erscheint eine von ihnen in Krähengestalt, und auch sonst werden
sie öfters als hungrige, blutgierige Raben beschrieben, auch als Frauen,
die mit Raben sprechen können, jedoch auch als Schwanenjungfrauen,
wobei der Schwan ebenfalls einen starken Bezug zu Tod und Magie hatte,
was sich bis in neuzeitliche Märchen erhalten hat.
Interessanterweise wird in mittelalterlichen Glossaren der Begriff
"Valküre" ähnlich wie "Mórrigan" und "Badb" benutzt, um
die fremdsprachlichen Begriffe Erinyen, Allecto (eine der Furien) und Bellona
(gallorömische Kriegsgöttin) zu erläutern.
Anders als die Mórrigan und ihre Schwestern haben die Valkyrias
oft einen stärker menschlichen Charakter, so berichten mehrere Gedichte
in der Edda davon, wie sie Beziehungen zu Männern eingehen, heiraten,
Kinder haben, und auch als Beschützerinnen und Lehrerinnen erscheinen,
die z.B. einem Krieger ein besonderes Schwert schenken oder ihn den Umgang
mit Waffen lehren.
Dies führt uns nun wieder zurück zum irischen Mythenhelden
CuChulainn. Von diesem wird erzählt, dass er sich zu einer geheimnisvollen
Frau namens Scathach begab. Deren Name wird entweder mit "Schatten, Wolke"
übersetzt, oder mit "Spott" in Verbindung gebracht (vgl engl. scathe),
was beides sowohl in unser bisheriges Bild von der Mórrigan als
auch in die allgemeine Erscheinung der Raben in den Mythen passt. Im Gegensatz
zur Mórrigan scheint Scathach jedoch eine zumindest halbwegs menschliche
Frau (mit übernatürlichen Eigenschaften) zu sein. Sie lebt in
einer Festung, der Weg dorthin ist für Cu-Chulainn beschwerlich und
er muss mehrere Prüfungen bestehen, bis er schließlich dort
anlangt. Er wird von Scathach in der Kampfkunst ausgebildet und erhält
seinen magischen Speer Gae Bolg von ihr. In einer anderen Erzählung
erinnert sich Cu-Chulainn in einem Gedicht über seinen toten Freund
Fer Diad an die gemeinsam verbrachte Lehrzeit bei Scathach. Sie wird darin
als Muime der Krieger bezeichnet, ein gebräuchlicher keltischer Begriff,
der "Ziehmutter" meint. Das Prinzip der Pflegeeltern war weit verbreitet
im keltischen Raum, und sollte dazu dienen, dass Kinder eine differenzierte
geistig-ethische oder auch spezielle künstlerische, handwerkliche
oder kriegerische Ausbildung bekamen und Verbindungen gegenseitiger
Vertrautheit
und Verpflichtung zwischen Familien oder unter entfernten Verwandten bestärkt
wurden.
Scathach wird hier übrigens mit dem Beinamen Búannan bezeichnet,
was als "gut" (vgl. Lat. bonum) gedeutet wurde. Interessanterweise
taucht dieser Begriff auch in einem anderen Zusammenhang auf, nämlich
bei der ersten Begegnung CuChulainns mit der Mórrigan, wo sie sich
als "Tochter des Königs Buan? bezeichnet." Möglicherweise warfen
die mittelalterlichen Schreiber hier etwas durcheinander, da die Mórrigan
sonst nicht die Art von Gestalt ist, die man mit einem menschlichen Vater
in Verbindung bringen würde.
Wenn auch die Verbindung zwischen Scathach und Mórrigan unklar
und vage ist - einige Wissenschaftler weisen explizit darauf hin, dass
die beiden deutlich unterschieden werden sollten, da sie völlig verschiedene
Rollen in CuChulainns Leben einnehmen - so erscheint doch eine Herkunft
dieser beiden Gestalten aus einem gemeinsamen größeren Kontext
möglich. Dies um so mehr, da die Valküren als Mittelglied mit
Verbindungen sowohl zur Mórrigan als auch zu Scathach dastehen,
wenngleich die Erstellung dieses Zusammenhangs den Ursprung aller drei
mythischen Motive auf jeden Fall in eine vorkeltische, vorgermanische Zeit
Alteuropas verlegt.
Dergleichen Querverbindungen gibt es jedoch im Umfeld der düsteren Rabenfrauen noch mehr zu entdecken.
Schauen wir noch einmal zurück zur anfangs erwähnten Begegnung
der Mórrigan mit Dagda, mit dem sie zu Samhain an einer Furt das
Lager teilte. Laut der Erzählung ist dies der Ursprung des Ortsnamen
Lige ina Lánomhnou, was soviel bedeutet wie "das Bett des Paares".
Später in der gleichen Erzählung wird der Ort auch als "Furt
der Zerstörung" - Áth Admillte - benannt, da die Mórrigan
Dagda entscheidende Hinweise zum Sieg über die Fomorians gibt, und
verspricht, mit magischen Mitteln gegen sie vorzugehen, was sie dann auch
tut.
Diese mythische Erzählung enthält gleich zwei interessante
Aspekte, denen wir uns nun genauer zuwenden werden, und zwar einmal die
Verbindung der Mórrigan zur Jahreszeit (Samhain) und andererseits
zu bestimmten Plätzen / Landschaften bzw. deren Namen.
An vielen Stellen in der irischen Literatur werden besondere
Landschaftsmerkmale,
z.B. Hügel, Berge, Flüsse, Wasserfälle, Schluchten, etc.
mit weiblichen Gottheiten bzw. mythischen Gestalten in Beziehung gesetzt.
Dabei tauchen auch die Mórrigan und ihre Schwestern immer wieder
auf, und besonders fällt auf, dass öfters derselbe Ort mal nach
Mórrigan, dann wieder nach Danu / Anu, der großen Erd- und
Muttergöttin des frühen Irland benannt wird. Besonders im Lebor
Gabála Érenn, welches sich u.a. mit den familiären Beziehungen
zwischen den Göttern beschäftigt, wird Danu oft als Schwester
oder auch einfach als anderer Name der Mórrigan genannt. So heißt
es einmal, dass die Zauberin Ernmas sechs Töchter hatte, "Banba, Fotla,
and Ériu, und dann Badb und Macha und Mórrigan, deren Name
Anand war" - an anderer Stelle wird Anand oder Ana als siebte Tochter genannt,
und auch, dass nach ihr die beiden Hügel Cicha Anand in Urluachair
"die Brüste Anands" heißen. Diese wiederum heißen auch
"die Brüste der Mórrigan". Abgesehen von der verwirrenden Widersprüchlichkeit
dieser sehr fragmentarisch wirkenden Aussagen - sind es nun sechs oder
sieben Töchter, sind Mórrigan und Anu / Anand / Danu ein und
dieselbe, ist Anu / Anand überhaupt die gleiche wie die Erdmutter
Danu? - wird deutlich, dass die Mórrigan offensichtlich eine starke
Beziehung zur Erde, zum Land an sich hat, und sich in besonderen Plätzen
als fruchtbare Göttin manifestiert.
Im Cath Maig Tuired finden wir noch einen Hinweis, die diese vermutete
Beziehung von der Mórrigan zu Danu / Ana auch von der anderen Seite
her beleuchtet. Hier fragt der Anführer der Tuatha de Danaan, der
Gott Lug, was die einzelnen zum bevorstehenden Kampf beitragen werden:
"Und ihr, Bé Chuille und Danu" fragte Lug seine zwei Zauberinnen
(das gälische wort ist hier bantúathaid, eine gebräuchliche
Bezeichnung der Mórrigan-Schwestern), "was könnt ihr in der
Schlacht tun?" - "Das ist nicht schwer zu sagen," antworteten sie. "Wir
werden die Bäume und die Steine und die Erdbrocken verzaubern, so
dass sie ein bewaffneter Gegner für unsere Feinde sein werden; und
diese werden erschreckt und zitternd fliehen". Hier benutzt eine Gestalt
Danu magische Mittel in einer kriegerischen Situation wie es uns von der
Mórrigan vertraut ist - und tritt als Herrin über die Natur
und die Erde auf, die sie zur Verteidigung bzw. zum Angriff gegen die Feinde
aufzubringen weiß. Möglicherweise liegt hier einer der Schlüssel
zum tieferen Verständnis der Mórrigan, die ursprünglich
einer der dunkleren, todes- und anderweltorientierten Aspekte der
frühkeltischen
Erdgöttin gewesen sein mag. In einer veränderten Gesellschaft,
in der das Land auch etwas war, um das gekämpft und Blut vergossen
wurde, entstand die Vorstellung von düsteren weiblichen Geistwesen,
die aus einer Verbundenheit mit der Erde und naturmagischen Künsten
sich in der Kriegssituation manifestierten, und in realistischer Weise
auch die dunkle, blutige Seite der Kämpfe, den vielfachen Tod auf
dem Schlachtfeld, verkörperten.
Während die Mórrigan und ihre Schwestern vor allem in ihrer
Erscheinungsform als Raben natürlich meist mit dem Element Luft assoziiert
werden, gibt es auch immer wieder Hinweise auf "Erdgeister", die z.B.
CuChulainn
in die Schlacht begleiten, bzw. die destruktive Energie der Kampfsituation
verkörpern: "...und die bánanaig und boccánaig und geniti
glinni und die Dämonen der Luft antworteten seinem [CuChulainns] schrecklichen
Schrei, und Nemain, die Kriegsgöttin, brachte Schrecken und Verwirrung
über die Feinde." Bánanaig und boccánaig sind Bezeichnungen
für elfen- und koboldähnliche Erdgeister, und geniti glinni heißt
"die Geister des Tals" wobei geniti auf jeden Fall ein weibliches Wesen
meint.
Unser zweiter Anhaltspunkt in der Erzählung von Dagdas und Mórrigans
Begegnung an der Furt war das genannte Datum, nämlich Samhain. Für
die interessierten Leser gibt es viele Möglichkeiten, den komplexen
Bedeutungshintergrund dieses keltischen Festes zu erforschen, so seien
hier nur die Grundzüge zusammengefasst. (Ich verweise auch auf den
Artikel zu den Herbstfesten in PolarLicht #4) Wie schon oben erwähnt,
war Samhain (Ende Oktober / Anfang November) der Beginn des neuen Jahres,
und eine "Zeit zwischen den Welten". Der Name bedeutet "Ende des Sommers",
denn die Kelten unterteilten das Jahr in an grían beag und an grían
mór, die kleine Sonne und die große Sonne. Bis heute ranken
sich viele alte Überlieferungen um dieses Fest, welches ursprünglich
die herbstliche Erntezeit endgültig abschloss, und den Abstieg ins
winterliche Dunkel markierte. Es war ein Fest, an dem die Ahnen geehrt
wurden, und die Grenzen zwischen der Anderwelt und der Alltagswirklichkeit
verschwommen, deshalb nutzte man es für Weissagung und Orakel. Zu
dieser Zeit kehrte das Vieh von den Sommerwiesen und auch die auswärts
arbeitenden Menschen (Hirten, Händler, etc.) nach Hause zurück.
Ein Teil der Tiere wurde geschlachtet, damit man sie nicht durch den Winter
füttern musste, und um Fleischvorräte anzulegen. Das Korn war
zu Mehl gemahlen, und so konnte man mit den geernteten Früchten und
den Fleischprodukten auch Schulden und Abgaben bezahlen. Der Termin dafür
war bis in jüngere Zeit noch St. Martin Anfang November. Früchte,
die jetzt noch an den Bäumen hingen, durften nicht berührt werden,
sie gehörten den Sidhe, den Ahnen und Erdgeistern. Viele düstere
und spukhafte Vorstellungen ranken sich um dieses Fest, denn es führte
wie kaum eine andere Zeit des Jahres die Nähe und Allgegenwart des
Todes vor Augen. So wird in Irland von dunklen grausamen Vögeln (Raben?)
erzählt, die an Samhain aus Felsspalten oder auch aus dem Ozean auffliegen
und Verwüstung über das Land bringen. Interessant ist hier eine
Parallele, die man bei den Saami findet, sie glauben auch, dass zu dieser
Jahreszeit Vögel, die man aus Felsspalten aufflattern sieht, Seelentiere
sind, die die Seelen der Ahnen tragen.
In der schottischen Folklore wird die dunkle und rauhe Jahreszeit,
an grian beag, die kleine Sonne, durch eine Gestalt verkörpert, die
viele Ähnlichkeiten mit den bisher angesprochenen Aspekten der Mórrigan
und verwandter Gestalten zeigt: die Cailleach. Ihr Name wird meist mit
dem englischen hag gleichgesetzt, was umgangssprachlich ein altes hässliches
Weib bezeichnet und auf den selben Ursprung wie das Wort Hexe zurückgeht.
Cailleach heißt eigentlich "die Verschleierte", und in den Geschichten
und Sagen wird sie meist entsprechend beschrieben, als alte, in große
Tücher gehüllte Frau, die teilweise mit der Figur der Bean Nighe,
der Wäscherin, verschwimmt. Sie kann auch als junges Mädchen
erscheinen, ebenso sich in einen Vogel oder ein Pferd verwandeln. Sie erscheint
mit vielen verschiedenen Beinamen, so heißt sie z.B. Cailleach Dubha,
die Schwarze oder Dunkle, was sich auf ihre Kleidung oder auch ihre Hautfarbe
bezieht. In manchen Schilderungen ist ihr Rücken hohl oder ihr Körper
zur Hälfte blau, grau oder schwarz, was sie in die Nähe ambivalenter
Totengöttinnen wie Hel / Holla rückt. In Irland heißt sie
meist Cailleach Bheara, nach der Halbinsel Beara, auf der angeblich die
ersten menschlichen Siedler irischen Boden betraten. In den schottischen
Highlands findet man sie in vielen Ortsbezeichnungen, insbesondere auf
den westlichen Inseln. So gibt es auf Skye einen Berg Ben-na-Cailleach,
auf North Uist einen Steinkreis mit Namen Leac na Cailleach Dubha, auf
Lewis eine Ruine Tigh nan Cailleachan Dubh, und auf Eigg das Sithean nan
Cailleach, das Feenhaus der Cailleach.
Die Cailleach erscheint in vielen schottischen Geschichten als Erschafferin
des Landes, sie geht als Riesin über die Erde und wirft Steine aus
ihrer Schürze hinab, die zu Bergen werden, oder Schluchten und Täler
formen. Urprünglich soll sie in Lochlann gelebt haben (was als Hinweis
auf Skandinavien oder auch die Ostseeküste gedeutet wird), doch dort
gefiel es ihr nicht mehr - wahlweise waren es die Menschen, die dorthin
kamen, die ihr nicht gefielen - und so schleppte sie Erde ins Meer im Westen,
und baute sich dort ihr eigenes Reich. Das sind heute die Britischen Inseln.
Im Volksglauben Britanniens hat diese Gestalt sich lange gehalten,
im christlichen England hieß sie Carlin oder Cally Berry, auf der
Insel Manx kennt man sie als Berrey Dhone, und in Cornwall als Berridraun.
Häufig heißt sie auch Black Annis, was an die irische Erdmutter
Anu erinnert, oder möglicherweise auch von der christlichen Anna,
der Mutter Marias beeinflusst ist (die ihrerseits vermutlich wiederum auf
alte Muttergöttinnen von Innana bis eben zu Anu zurückgeht).
Ein anderer Name, unter dem sie als Märchenfigur erscheint, ist Nicnevin,
was sich von Nic an Neamhain (= Tochter der Nemain) ableitet und ebenfalls
wieder ins Umfeld der Mórrigan hindeutet. Manchmal wird die Cailleach
auch als Bronach (die Sorgenvolle) bezeichnet, oder sie nennt sich selber
so, und dies ist ebenfalls ein Name, der auch als Beiname der Badb in der
irischen Literatur erscheint. Diese Namensverwandtschaften sind jedoch
nicht die einzigen Querverbindungen zur Mórrigan.
Cailleach verkörpert in Schottland die dunkle Zeit des Jahres,
das winterliche kalte Land. Sie erscheint in der Zeit um Samhain, wandert
mit einem Stock durch die wilden Berge und Moore und überall wo sie
den Boden berührt, gibt es Frost und Schnee. Sie kann Sturm, Gewitter
und Sturmfluten heraufbeschwören. Die Gänse, die um diese Zeit
nach Süden fliegen, sind ihre Boten. Während der Getreideernte
machten die Bauern in einigen Gegenden Schottlands und Nordenglands eine
Puppe, die die Cailleach verkörpert, und reichten sie von einem zum
anderen weiter. Wer sie hatte, wenn die Ernte abgeschlossen war, musste
sie den Winter über behalten und sie als Gast ehren, denn sonst wäre
das Glück bei der Jagd und Ernte gefährdet.
Die Cailleach hütet insbesondere in der Winterzeit die wilden
Tiere, vor allem die Hirsche, die als heilige Tiere der Fruchtbarkeit und
des Lebens verehrt wurden; auch Wölfe, und der Lachs als keltisches
"Weisheitstier" wurde mit ihr assoziiert.
Es gibt viele Erzählungen, in denen Begegnungen von Menschen mit
einer Erscheinung der Cailleach dunkel, rätselhaft und teilweise bedrohlich
verlaufen. Ein verirrter Wanderer, der in ein winterliches Unwetter gerät,
mag auf einmal eine Hütte entdecken, in der er Schutz für die
Nacht findet, doch er sollte dafür als Dank eine Gabe auf einem Berg
zurücklassen, damit die Cailleach ihm nicht zürnt. Es wird auch
von Jägern erzählt, die in einer Berghütte übernachteten
und von der Cailleach besucht wurden. Mal erscheint sie als alte abgrundtief
hässliche Frau, mit einem Auge, einem Zahn und einem "ellenlangen
Bart", die sich jedoch erkenntlich zeigt, wenn man sie ans Feuer lässt
- dann verwandelt sie sich in ein junges hübsches Mädchen oder
hinterlässt am nächsten Tag Goldstücke oder sendet reiche
Jagdbeute.
Dies erinnert übrigens an ganz ähnliche Episoden aus der
irischen Literatur, in denen die Mórrigan als alte Frau an einem
Gasthaus erscheint, und um einen Platz am Feuer oder gar im Bett eines
Mannes bittet (In einigen Varianten wird ihr "langer Bart" auch explizit
als Geschlechtsbehaarung benannt). In der Sage um Diarmuid ist er der einzige
von einer Gruppe Fianna-Krieger, der sie nicht ablehnt, und dafür
entpuppt sie sich bei ihm im Bett als attraktive Feenfrau, die weissagt,
dass er König von Tara werden wird. In manchen dieser Erzählungen
offenbart sie sich als "das Land" oder "die Herrschaft des Landes" und
dies weist ganz klar auf die uralte Tradition der "Heiligen Hochzeit",
in der weltliche Herrschaft durch diesen sakralen Akt legitimiert wird.
Die Konfrontation mit der hässlichen, dunklen, alten, furchterregenden
Seite des Weiblichen scheint als Test oder Probe für die Reife und
spirituelle Weisheit des zukünftigen Herrschers zu fungieren.
In der jüngeren Schicht der Volkserzählungen im schottischen
Hochland erscheint die Cailleach, auch unter der Bezeichnung Glaistig, in
einer mehr und mehr negativen, "bösen" Konnotation. Den Jägern
begegnen im Winter in einsamen Gegenden und abgelegenen Hütten weibliche
Geistergestalten in der Gestalt ihrer Freundinnen oder Ehefrauen, saugen
ihnen aber nachts das Blut aus. Erkennen kann man sie daran, dass sie
Schwimmflossen
an den Füßen haben, oder auch Krähenfüße, Eigenschaften,
die auch in Beschreibungen der Bean Nighe bisweilen auftauchen, ebenso
wie das eine Auge und der eine Zahn, sowie der "lange Bart". Wie die Bean
Nighe wird auch die Gestalt der Glaistig bisweilen als Hausgeist einer
Familie bezeichnet, die mit den Kindern und der Geburt zu tun hat, und
immer mit den Frauen einer Familie "vererbt" bzw. von der Braut in die
Familie des Mannes gebracht wird. Sie weint, wenn der langjährige
Besitz einer Familie verkauft wird, und der neue Hausbesitzer tut gut daran,
sie durch eine Gabe günstig zu stimmen. Interessanterweise erscheinen
alle diese Gestalten oft wohlwollend oder unterstützend gegenüber
Kindern, ärmeren alten Menschen, oder Frauen bei der Geburt, während
gerade in den neuzeitlicheren Märchen ihre Bedrohlichkeit und Grausamkeit
gegenüber männlichen Jägern im Vordergrund steht. War es
die veränderte Wahrnehmung der wilden Natur, eine Paradigmenverschiebung
zu einer mehr patriarchalen Weltsicht, die die Cailleach von der Hüterin
der wilden Tiere zum Vampirweib mutieren ließ? Wir formen durch unseren
Willen die Wirklichkeit um uns herum... Erscheinen uns die Energien der
Natur so, wie wir sie sehen wollen...?
Die Rolle der Hüterin der Tiere und des Winters lässt noch
eine andere Querverbindung zu, die uns wiederum in die skandinavische
Mythologie
entführt, in der sich germanische und Saami-Traditionen vermischen.
Hier finden wir Skadi, die Göttin auf Schneeschuhen, die in den schriftlichen
Überlieferungen nur eine untergeordnete Rolle einnimmt, die offensichtlich
den Schreibern der Edda ähnlich fremd war wie den mittelalterlichen
irischen Mönchen die Rabenfrauen, so dass ihre Erwähnungen in
den alten Dichtungen lediglich als Fragmente einer verschwundenen Vorstellung
zu sehen sind. Viele Ortsnamen in Skandinavien weisen jedoch darauf hin,
dass sie eine ähnlich prägende und vor allem mit dem Land verknüpfte
Stellung einnahm wie ihre keltischen Schwestern. Nicht zuletzt ihr Name
gibt zu denken, denn Skadi kommt von "Schatten", und damit sind wir wieder
bei Scathach, der kriegerischen Ziehmutter CuChulainns, die auf einer
abgelegenen
Insel zwischen den Wolken ihre Festung gehabt haben soll... Als solche
bezeichneten übrigens die Skandinavier die Isle of Skye (gälisch
sgitheanach = geflügelt, norwegisch skygge = wolkig).
Doch der dunkle, wolkenverhangene, stürmische Winter, die Zeit
der Rabenfrauen aus der Anderwelt, ist eben letztlich nur die eine Seite
der Medaille. Im Frühling, zu Beltaine oder auch schon zu Ám
Feill Bride, dem Tag der Göttin Brigid, schlägt die Cailleach
mit ihrem Stock an einem Holunderbusch auf den Boden und verwandelt sich
in einen Stein oder Baum oder verschwindet einfach.
In Kinross, Schottland, gibt es ein Tal, Glen cailliche, mit einer
alten Steinformation, die Tigh nam Cailliche genannt wird. Jedes Jahr zu
Beltaine, im Mai, nimmt ein Schäfer einige bestimmte Steine heraus
und setzt sie nach draußen, damit sie dort die Schafe und das Tal
bewachen. Im Herbst werden sie wieder eingesammelt und in das "Haus"
zurückgestellt.
In manchen Sagen verschwindet die Cailleach nicht einfach, sondern
verwandelt sich im Frühling in die Erd- und Feuergöttin Brigid,
die mit Geburtshilfe, Milch und Frühling in Verbindung gebracht wird.
Dies bestätigte mein Gefühl, nach dem ich die Mórrigan
immer schon als eine Art dunkle Schwester der Brigid eingeordnet habe...
Welche Hinweise haben wir dafür noch?
Da wäre einmal die Dreiheit, die Erscheinung der beiden Gestalten
in dreifaltiger Form in Verbindung mit der Tatsache, dass sowohl Mórrigan
als auch Brigid mehr ein Titel als ein Eigenname ist. Übrigens wird
Brigid des öfteren mit Eriu, der Verkörperung Irlands, assoziiert,
die ja mit ihren Schwestern Banba und Fotla genauso der Zauberin Ernmas
zugeordnet wird wie Badba, Macha und Mórrigan!
Brigid steht als dreifache Göttin der Schöpferkraft erstens
für die Poesie, zweitens für die Handwerkskünste, insbesondere
die Schmiedekunst, und drittens für die Fruchtbarkeit der Erde im
Frühling, die Geburt von Menschen und Tierkindern und ebenso für
Milch, Heilkräuter und heilkräftiges Wasser, sowie das Wissen
der Hebammen, Menschen auf die Welt zu bringen. Stellen wir ihr die Mórrigan
gegenüber, ergeben sich erstaunlich passende Verknüpfungspunkte.
Mórrigan symbolisiert die spöttische, kämpferische und
auch prophetische Dichtkunst, die Siege und Niederlagen kommentierte. Sie
unterstützt die Kämpfer, nicht mit geschmiedeten Waffen (außer
wenn man Scathach als einen ihrer Aspekte sieht), sondern mit der Waffe
ihrer magischen Fähigkeiten. Und sie begleitet die Menschen ins Totenreich,
sie verkörpert den destruktiven Aspekt der Natur- und Erdenergien,
das Wasser der Flüsse färbt sie blutigrot.
Sowohl Brigid als auch Mórrigan haben einen starken Bezug zur
Erde und zu Flüssen bzw. Quellen, sowohl zu den äußerlichen
Landschaftsmerkmalen als auch den ihnen innewohnenden Energien, mit denen
Menschen in Kommunikation treten, u.a. wenn es um Fragen von "Herrschaft"
geht - die sich in den frühkeltischen Vorstellungen durch eine Verbindung
mit der Erde in weiblicher Gestalt legitimiert.
Ein Kontrast zwischen Brigid und Mórrigan ergibt sich auf den
ersten Blick dadurch, dass Brigid einen starken Bezug zum Feuer hat (ihr
Name selbst wird mit einem "feurigen Pfeil" assoziiert) und Mórrigan
in Rabengestalt eher den Gedanken an das Element Luft weckt.
Doch taucht in den irischen Schriften auch der Begriff des "nemain
dega" auf, geheimnisvolle Flammen oder Funken, die den Krieger CuChulainn
umgeben, als er ähnlich einem nordischen Berserker von Nemains Wut
besessen ist. Weiterhin heißt es in diesem Zusammenhang: "Die Fackeln
der Badb, verderbenbringende Regenwolken und funkensprühendes Feuer
waren in der Luft über seinem [CuChulainns] Kopf zu sehen, als die
wild brodelnde Wut in ihm aufstieg."
Im Übrigen ist auch bei den Valkyrias von ähnlichen Phänomenen
die Rede, wenn ihr Erscheinen in einer der nordischen Sagen folgendermaßen
beschrieben wird: "Dann leuchtete es von Logafjoll her, und Blitze zuckten
aus diesem Licht. Ihre Mäntel waren mit Blut bespritzt, und Lichtstrahlen
ergossen sich aus ihren Speeren". Vermutlich war es das Nordlicht, welches
die Inspiration zu derartigen Vorstellungen gab, die auf poetische
eindrucksvolle
Weise in den Sagen dargestellt wurden.
Sowohl die Wäscherin als auch die Bean Sidhe und Cailleach sind ältere Motive, die nicht pauschal der Mórrigan gleichzusetzen sind, ebenso wenig wie die Mórrigan als eine jüngere Fortsetzung gesehen werden kann, sondern all diese mythischen Figuren scheinen unterschiedliche Ausprägungen einer facettenreichen Vorstellung der dunklen, winterlichen und tödlichen Aspekte weiblicher Übernatürlichkeit zu sein, die sich als Winterbringerin, Totenklägerin, Seelenbegleiterin präsentiert. Zunächst und ursprünglich ist sie eine Erdmutter, die Land, Tiere und die Jahreszeiten hütet, aber in Kriegssituationen manifestierte sie sich als Personifikation von Hass und Blutdurst, die über dem Schlachtfeld schwebte.
Während männliche Schutzgötter im indogermanischen Raum
zumeist eine glorifizierende Sicht auf Krieg und Kampf verkörperten,
wurde die keltische Kriegsgöttin aus der Vereinigung dunkler Erdgeister
und Todesbotinnen zur machtvollen Metapher für den düsteren blutigen
Horror, für die Realität der Schlachtfelder mit all ihren Konsequenzen.
"Sometimes in the dead of the night
I mesmerize my soul
Sights and visions, prophecies and horror,
they all come in one
Mother North, united we stand, together we walk
Phantom North, I'll be there when you hunt them down"
("Mother North" - © Satyricon: Nemesis Divina CD 1996)
Quellen:
Bernd Heinrich: Mind of the Raven
Bernd Heinrich: Ravens in Winter
Ross, Anne: Pagan Celtic Britain
Laura C. Martin: The Folklore of Birds
Miranda Jane Green: Celtic Myths
John Arnott MacCulloch: Mythology of All Races II, Eddic
John Arnott MacCulloch: Mythology of All Races III, Celtic
Uno Holmberg: Mythology of All Races IV, Finno-Ugric
H. B. Alexander: Mythology of All Races X , North American
H. E. Davidson: Roles of the Northern Goddess
Patricia Lysaght: The Banshee: Irish Death Messenger
Hilda Ellis Davidson: Myths and Symbols in Pagan Europe
Rees, Alwyn and Brinley: Celtic Heritage
Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens
Besonderen Dank für Information und Inspiration an:
Eldrbarry für seine Rabengeschichten @
http://www.seanet.com/~eldrbarry/rabb/rvn/
Angelique Gulermovich Epstein für ihre Dissertation "WAR GODDESS:
The Morrígan and her Germano-Celtic Counterparts" @
http://modigliani.brandx.net/user/aeron/diss/
Emma Oxenby für inspirierende Gedanken über die Cailleach
@ http://www.oxenby.se/emma/pagan/index2.htm
© 2001 Claudia M. Striewe. Erstveröffentlichung im "Polarlicht" - Magazin.